In ihrer monatlich erscheinenden Kolumne “Neues vom Nil” äußert sich die junge ägyptische Autorin Samar Gabr aus Alexandria zu aktuellen politischen und sozialen Themen in ihrer Heimat. Viel Vergnügen beim Lesen dieser “Innensicht”, die in ihren Texten auch das Vorfeld der Revolution beleuchtet. Ein kurzer TV-Auftritt von Samar und Nicolas in der Sendung “Leichter Leben” zum Thema dieses Blogs fand am 13. April 2011 in Berlin statt und ist hier zu sehen.
Am Tag der ägyptischen Einheit (publiziert am 13.3.2011)
»Ich bin nicht an britischen Werten interessiert. Ich bin an den ägyptischen Werten interessiert.« (John Rees, britischer Publizist und Aktivist)
Seit Langem war das machiavellistische »Teile und herrsche!« ein viel zitiertes Motto der Diktatoren in aller Welt, so auch des ägyptischen Regimes, das sich seit den siebziger Jahren in dieser Kunst übte. Denn: Wer sein Volk teilt, hat es im Zweifelsfall nicht gegen sich.
Am heutigen »Freitag der Einheit« fanden in ganz Ägypten Demonstrationen für die Einheit und Brüderlichkeit zwischen Muslimen und Christen statt. Anlass waren u.a. Dokumente der ägyptischen Staatssicherheit, die eine Beteiligung der Geheimpolizei an dem Bombenanschlag auf die Kirche in Alexandria belegen. Es war das erste Mal überhaupt, dass es Demonstrationen für die Einheit zwischen den Religionen gab, und das – wider alle Vorurteile über den »Orient« in Europa – ausgerechnet zwischen Christen und Muslimen.
Umso bedauerlicher, dass in Europa die immer stärker werdenden Spannungen zwischen Migranten und ursprünglicher Bevölkerung keine derartige Mobilisierung hervorrufen. Und das, obwohl es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen rassistischen Motiven wohl nie eine Zeit in der Geschichte der Menschheit gab, die besser dafür geeignet wäre, für eine echte Partnerschaft der Religionen auf die Straßen zu gehen. Dass echte Bedrohungsszenarien trotzdem zu Zusammenarbeit führen können, sieht man derzeit auch in Palästina/Israel. Seit einiger Zeit demonstrieren Künstler, Dichter und Musiker, Araber wie Juden, gemeinsam gegen die von der Regierung des Staates errichtete Mauer.
Wir leugnen nicht, dass es auch in unserem Land Fälle von religiösen Resentiments gibt. Sie sind das Ergebnis von vierzig Jahren Sadat und Mubarak, in denen man für ein rentables Bündnis mit dem Westen das Wachstum islamistischer Bewegungen in Kauf nahm. In der Zeit Nassers, in der Ägypten dem Westen eher verhalten gegenüber stand, gab es solche religiösen Konflikte interessanterweise nicht. Im Gegenteil. Ältere Menschen berichten davon, dass Liebesbeziehungen zwischen Christen und Muslimen weit häufiger der Fall waren als heute, und erinnern sich noch gut an den Kirchenbesuch des (muslimischen) Präsidenten Nasser im Jahre 1968 infolge einer Marienerscheinung und seiner Heilung durch den koptischen Papst Kerlos V.
Der Kern des ägyptischen Nationalismus war denn auch die Zusammenarbeit von Muslimen, Christen und Juden, sehr zur Überraschung für viele Europäer, die den arabischen Nationalismus stets mit islamistischem Fundamentalismus in Zusammenhang brachten. Sein Ursprung liegt im arabischen Freiheitskampf gegen das osmanische Reich, das stets die Religion (das Kalifat) als Vorwand nahm, um seine politische Vorherrschaft zu legitimieren.
Die erste ägyptische Revolution nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war eine muslimisch-christlich-jüdische, eine gesamtägyptische. Nicht umsonst zeigt die Revolutionsfahne von 1919 neben dem Halbmond auch ein Kreuz, und die daraufhin gültige Flagge der Monarchie drei Sterne für die drei Religionen. Erst unter dem Einfluss der Briten wurde versucht, die Spannungen zwischen den Religionen wieder zu schüren, um die eigene Position als »Schützer der religiösen Minderheiten« zu legitimieren. Hand in Hand zogen damals christliche Priester mit muslimischen Geistlichen durch die Straßen Kairos und der Kopte Abuna Sargius predigte regelmäßig von der Kanzel der al-Azhar-Universität, dem Zentrum der islamischen Orthodoxie.
Demonstrationen wie die des heutigen Tags belegen, dass der religiöse Rassismus in Ägypten nicht auf fruchtbaren Boden fallen wird. Obwohl es auf beiden Seiten zweifellos Vorbehalte gibt, werden die Entschlossenheit und der Wille des ägyptischen Volks, jenseits von Kleingeist und Provokation gemeinsam ein schöneres Land zu erschaffen, der Sektiererei ein Ende bereiten.
Es war Freiheit überall (publiziert am 13.2.2011)
Was werden wir heute tun?« – »Wir werden tun, was wir jeden Tag versuchen, Dummkopf. Wir werden die Welt kontrollieren.« Das war mein Status auf Facebook am Morgen des 25. Januar 2011, wenige Stunden vor dem Revolutionsbeginn. Diese Sätze stammen aus einer Zeichentrickserie, in der zwei in den Bergen Verschüttete jeden Tag davon träumen, eines Tags die Welt zu kontrollieren. Als Kommentar gaben sie sowohl meine Begeisterung als auch meine Hoffnungslosigkeit wider, dass sich jemals etwas ändern wird. Und meine Angst, dass wir vielleicht diese Menschen sind, die jeden Tag etwas versuchen und doch nichts ausrichten können. Vor allem aber wählte ich diesen Kommentar, weil ich die Ägypter für verrückt hielt, dass sie der Polizei den Termin und den Platz ihrer Revolution auf Facebook mitgeteilt haben.
In der Rue de Ptolémées in Alexandria gab es bereits um 16 Uhr eine große Demonstration
neben dem Goethe-Institut. Um 17 Uhr stieß ich dazu. Es gab fast so viele Polizisten wie Demonstranten, auch in der Rue de Port Said, in der einst der im Sommer von der Polizei zu Tode geprügelte Blogger Khaled Said lebte. Da der Staat unbedingt verhindern wollte, dass wir demonstrierten, wurde es schnell sehr brutal. Polizisten begannen, uns zu verprügeln. Beinahe verlor ich wegen dem Geruch des Tränengases und der Schussgeräusche die Hoffnung, doch plötzlich hörte ich am Ende der Straße einen Schlachtruf aufschwellen: »Das Volk will das Regime stürzen!« Trotz der totalen Internet- und Telefonsperre der folgenden Tage versammelten wir uns von nun ab täglich.
Die Demonstranten waren bunt gemischt: Neben Studenten der Amerikanischen Universität, die sich in einer arabisch-englischen Mischsprache unterhielten, standen Muslimbrüder, Professoren, Ärzte und Straßenkinder, verschleierte neben rauchenden Frauen, Muslime neben Christen, Kommunisten neben Liberalen, selbst Filmstars neben Journalisten und Künstlern. Es war das Volk, das nach »Veränderung, Freiheit und Justiz« rief.
Eigentlich gab es nur mehr zwei Sorten Ägypter: die, die die historische Chance erkannten, und die, die weiterhin Angst hatten. Letztere saßen zu Hause und sahen sich das Staatsfernsehen an, das von wenigen Hundert Demonstranten sprach und davon, dass Verbrecher aus den Gefängnissen entkommen waren und nun die allgemeine Sicherheit bedrohten – eine Folge der Flucht der Polizei am 28. Januar. Regierungsjournalisten und Lügenkünstler schimpften dort über die Demonstranten am Platz der Befreiung in Kairo. So kam es, dass uns die Ängstlichen nach Mubaraks zweiter Erklärung für herzlos erklärten und uns unterstellten, keine Familie zu haben, weil wir freiwillig auf der Straße übernachteten und für den Sturz des Regimes demonstrierten.
Es war eine ungleiche Schlacht: wir gegen das Regime, die ägyptischen Medien, die Unterstellungen, wir bekämen Unterstützung aus den USA, aus Israel, aus dem Iran oder von der Hamas, die
gefl ohenen Häftlinge, die am schwarzen Mittwoch 11 Demonstranten töteten und die ärmeren die uns zusahen, warfen uns Wasser, Obst und Schokolade zu. Obwohl wir uns nicht kannten, sprachen wir plötzlich ganz offen miteinander, halfen und liebten einander. Die Frauen hatten keine Angst mehr vor möglichen Annäherungsversuchen der Männer, und die Männer hatten keine Angst mehr vor der Polizei. Es war Freiheit überall. Nie hätte ich gedacht, unsere Nationalhymne einmal mit Tränen in den Augen zu singen, verstand ich doch erst jetzt, wie tief meine Liebe zu Ägypten ist. Nicht die Parteien, nicht die Muslimbrüder, nicht die Armee versammelten die Leute – die Revolution versammelte sie und wegen ihr allein versammelten sie sich.
Am 11. Februar wurde ich auf dem »Platz der Befreiung« in Kairo selbst zur Augenzeugin dieser riesigen Utopie. Alle sorgten für alle, sangen, tanzten, malten, schrieben Theaterstücke und führten sie auf. Ägypten wäre nicht Ägypten, hätte es beim Demonstrieren seinen Humor verloren: Neben »Mubarak ist reicher als Dagobert Duck« und Actionfi lm-Plakaten mit den Gesichtern des Präsidenten und seinem Sohn Gamal gab es auch Parolen wie »Hau endlich ab, damit ich mich waschen kann« oder »Verlasse Ägypten, mein Arm tut schon weh von diesem Schilderhalten!«
Als Mubarak endlich seinen Rücktritt bekanntgab, explodierten die Feiern. Feuerspucker,
Tänzer und Sänger mischten sich unter die Demonstranten, selbst das Staatsfernsehen und die regierungstreue Zeitung »Al-Ahram« titelten:»Das Volk stürzt das Regime!«
Nun wissen wir, dass wir die Möglichkeit haben, eine Revolution anzuführen und unsere Hoffnungen und Träume zu verwirklichen. Ja… »Lasst uns diesmal unsere Welt kontrollieren!«
Weihnachtsbombe (publiziert am 11.1.2011)
Eine Viertelstunde nach Neujahr hörten wir die Nachricht von einem tödlichen Anschlag auf eine Kirche in der Stadt. Die Al-Qiddisain-Kirche ist von meiner Wohnung etwa eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Zum Zeitpunkt des Anschlags war ich nicht zu Hause. Meine Freunde und ich feierten das neue Jahr im griechischen Club in Ibrahimia. Wir waren 16, vier von uns Christen und ich die einzige Frau. Plötzlich verwandelte sich die Atmosphäre im Club in eine tiefe Traurigkeit, und obwohl meine koptischen Freunde rasch herausfanden, dass niemand von ihren Familien in der Nähe der besagten Kirche gewesen war, begannen wir alle zu weinen. Einer von uns fiel sogar in Ohnmacht. Die Stadt war um 4.00 morgens ruhig, kalt und grau. Es gibt kaum Autos auf den Straßen und wir hörten in den Nachrichten von 22 Toten und mehr als 70 Verletzten, sahen das Blut auf dem Kirchenbau. Mit Tränen in den Augen empfingen wir das neue Jahr.
Viele Muslime wollten als Zeichen gegen den Terror am nächsten Donnerstag, dem koptischen Weihnachtsfest, gemeinsam mit ihren Freunden in die Kirche gehen und sie
damit vor weiteren Angriffen schützen. Die Regierung war aber anderer Meinung. Brutal
beendete sie die Demonstration der Denker und der Künstler Alexandrias. Muslime wurden nicht in Kirchen gelassen und vor den Kirchen ist das Stehen seit dem Anschlag
ohnehin verboten. Während sogar die radikal-islamischen Kräfte des Landes den Anschlag vom Neujahrstag offiziell verurteilen, versäumte die Regierung Mubarak hier eine
wichtige Chance, das Volk jenseits religiöser Eigeninteressen (wie dem Bau von Kirchen)
gegen Entwicklungen auf die Straße gehen zu lassen, die für die gesamte Menschheit
schädlich sind.
Alexandria ist traurig, aber nicht ohne Hoffnung. Städte sind wie Lebenswesen, manchmal werden sie krank, und manchmal sterben sie auch. Alexandria aber wird genesen.
Viagra- und Tramadol-Wahlen (publiziert am 5.12.2010)
In diesem Winter standen bei uns Parlamentswahlen an. Aber was für eine Wahl hatten wir eigentlich?
Für die Ärmeren galt die Wahl zwischen einem Kilo Rindfleisch und einer Summe von 700 Pfund (ca. 90 Euro) auf die Hand. So viel bekommt bei uns ein Wähler, je nachdem, wem er seine Stimme gibt. Dieses Jahr gab es auch den Gegenwert in Viagra oder Tramadol. Den männlichen Wählern scheint es gefallen zu haben.
Ich gebe zu: Ich kannte fast keinen der Kandidaten. Im Sommer sah ich eine Wahlanzeige, an der Darwin seine Freude gehabt hätte. Der Kandidat wies in Bezug auf seine körperliche Stärke darauf hin, King Kong ähnlich zu sehen. Vor sechs Monaten erschien ein Lied mit diesem Wahlspruch, das sich in Ägypten sofort riesiger Beliebtheit erfreute. Was weder den Kandidaten noch die Wähler zu stören schien: dass King Kong nichts als ein riesiger Affe ist.
Ein anderer Kandidat vertrat die islamische Bruderschaft. Diese wurde 1928 von dem Lehrer Hassan al-Banna gegründet und fordert seitdem mit der Parole “Der Islam ist die Lösung” eine Rückkehr zu traditionellen Werten – unter Ablehnung des westlichen Lebensstils. Obwohl die Muslimbruderschaft in Ägypten offiziell verboten ist, hat sie etwa eine Million aktiver Mitglieder und unterhält verschiedene caritative Einrichtungen wie Krankenhäuser und Sozialstationen, vor allem in den ärmeren Vierteln, was sie dort sehr beliebt werden ließ. Die herrschende Partei des Mubarak-Regimes, die NDP, hat sie sich zum Hauptfeind erkoren. Andere ernst zu nehmende Gegner sind ohnehin nicht in Sicht, werden diese doch entweder von Greisen oder von Häftlingen geführt. Bleiben die Reichen, die Denker, die Schriftsteller und die Künstler: Sie haben dem System längst den Rücken zugekehrt, wissen sie doch, dass die meisten Abstimmungen ohnehin gefälscht sind. Warum dann die Mühe?
Es gibt ein Foto, das genau jene Schicht abbildet, die dennoch unermüdlich zu den Wahlen geht: Es zeigt eine arme, alte, zahnlose Frau, deren Hand ein Victory-Zeichen formt. Sie wurde zum Sinnbild für jene Wähler, die unsere Parlamentsmitglieder noch immer im Amt bestätigen. Und natürlich ist jedem klar, warum diese arme Analphabetin zur Wahl geht. Letztlich geht es immer um Öl, Zucker, Fleisch oder Geld.
In einem Zeichentrickfilm mit schwarzem Humor verschwinden die Wahlkampfgelder in Toiletten, und die Musik illustriert die Angst des Wählers. Witze, Karikaturen, ganze Kurzfilme füllten während der Wahlen das Internet. Hier erklärte ein Kommentar auf Facebook, dass der Verkauf von Stimmen “halal”, also religiös erlaubt sei, da die Wahlen ja ohnehin gefälscht seien. Dort verglich ein anderer Kommentar die ägyptischen Wahlen mit Bollywood-Filmen: Beide seien brutal, beide seien langweilig – und ihr Ausgang schon im Vorfeld bekannt.
Manchmal habe ich den Eindruck, wir lebten in einem Roman von José Saramago: “Die Stadt der Sehenden”. Aber hier nehmen die Helden ihre Sache in die Hand. Alle, die der herrschenden Politik überdrüssig sind, geben bei der Wahl einen leeren Stimmzettel ab. Und so spaltet sich das Land in weiße Stimmzettel – und die Zettel der Regierungsmitglieder. Eine reizvolle Idee, aber Saramago scheint nichts von dem lukrativen Geschäft mit den Stimmen gewusst zu haben.
Und so kam es, wie es kommen musste: Trotz massiver Unregelmäßigkeiten, trotz einer Wahlbeteiligung zwischen 10 und 15 % erklärte die staatliche Presse die Wahlen für ordnungsgemäß. Wie beruhigend: Wenigstens einer, der weiß, dass alles in Ordnung ist. Den anderen blieb die schmerzhafte Erkenntnis: “Im Osten nichts Neues”.