Free the People! Stop the Killing! (Video)

Alle Aufmerksamkeit ist auf den westlichen Nachbarn Ägyptens gerichtet. Oberst Gaddafis unverantwortliches und rücksichtsloses Verhalten lässt eine späte Dankbarkeit für Mubaraks Einsichtsfähigkeit aufkommen.

Ein weniger bekanntes Lied des großen politischen Lyrikers John Lennon klingt in dieser Zeit wie ein Omen aus lang vergangenen Tagen. Obgleich 1973 komponiert, taugt es mit seiner Eindringlichkeit auch für die gegenwärtigen Revolutionäre zur Hymne : “Free the People! Stop the Killing – Now!”

Hier eine filmische Hommage an die Protagonisten des arabischen Frühlings und zugleich ein verzweifelter Aufruf an die Regierung des westlichen Libyen, ihrer Politik der verbrannten Erde abzuschwören:

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Der Ferne Westen

Tag 7 nach der Ära Mubarak. Noch immer drängen Nachrichten aus Ägypten auf die ersten Seiten der deutschen Presse. Doch der Ton hat sich verändert, längst sind es wieder die “kritischen Stimmen”, die die Deutungshoheit über die Ereignisse im Nahen Osten zurückzuerobern versuchen. Man könnte auch sagen: der immer gleiche Tonfall aus Kleinmut, Skepsis und falscher Empörung. Warum gelingt es uns nicht, die Revolution zu Ende zu denken? Ich behaupte: Nicht, weil die Ereignisse am Nil dies erforderten, sondern weil wir uns selbst das Träumen längst abgewöhnt haben. Längst vergessen der historische Satz von Che Guevara, ohne den keine Revolte, kein Umsturz, ja nicht einmal eine Mondlandung möglich gewesen wäre: “Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!”

Ägypten steht weder vor einer Militärdiktatur – das hat es im Grund genommen ja gerade hinter sich – noch vor einer Machtübernahme islamistischer Kreise. Dem ambitionierten Aufruf des politischen und religiösen Führers des Iran, Ali Chamenei, der ägyptischen Revolution ein religiöses Gesicht zu verleihen, erteilten die vom Westen als Neo-Taliban abgestempelten Muslimbrüder eine klare Absage: “Die Muslimbrüder betrachten die Revolution als eine Revolution des ägyptischen Volks und nicht als eine islamische Revolution,” hieß es schon Anfang Februar auf der Website der verbotenen Oppositionspartei. Und diese werde gemeinschaftlich von Muslimen und Christen aller Parteien unterstützt. Was der Westen angesichts der überaus konservativen Ansichten der Muslimbrüder immer wieder vergisst, obwohl ihn die Bilder aus dem Irak eigentlich täglich daran erinnern müssten: Muslim ist nicht Muslim, und der Versuch des schiitischen Iran, sich zum Führer der muslimischen Welt aufzuschwingen, wird nicht zuletzt am Widerstand der ägyptischen Sunniten scheitern.

Die Erklärung des Militärs, innerhalb von 6 Monaten die ersten freien Wahlen durchführen zu wollen, und die Verhaftung ehemaliger Minister lässt mehr Hoffnung zu, als gemeinhin in der Presse beschrieben wird. Historische Vergleiche hinken, aber 1949 war es eine Militärregierung, die die erste funktionstüchtige Demokratie auf deutschem Boden installierte, indem sie die Bildung eines verfassungsgebenden “Parlamentarischen Rats” initiierte. Nichts anderes geschieht derzeit in Ägypten: Eine achtköpfige Kommission unter dem Vorsitz des angesehenen Juristen und Mubarak-Kritikers Tariq Al-Bishri arbeitet derzeit Verfassungsänderungen aus – um den Übergang von einer autoritären zu einer liberalen Politik zu ermöglichen. Al-Bishri ist selbst fast so alt wie der gestürzte Präsident, doch seine Einstellungen machen ihn zu einem erfahrenen Verfechter der Gewaltenteilung und der Stärkung des Parlaments gegenüber dem Amt des Präsidenten. Der ehemalige Linke gibt heute als gemäßigt religiös und nationalistisch. Für den Westen (und die hiesige Presse) vielleicht ein Grund, ihm zu misstrauen, aber im Kontext der ägyptischen Politik ein klares Signal des Militärs, die angekündigte Machtübergabe an eine zivile Regierung ernstzunehmen.

Ein  zentrales Problem der westlichen Medien mit der ägyptischen Wende scheint mir der Umstand zu sein, dass die Kategorien von “gut” und “böse” mit zunehmender Distanz zur ägyptischen Wirklichkeit nur zu oft durcheinander geraten. Der Fall der Mauer war für ausländische Berichterstatter im Vergleich zum Dickicht aus geförderten Diktatoren, religiösen Sozialarbeitern und angesehenen Militärs vergleichsweise einfach: das gute Volk besiegt den bösen Staat, auf Unterdrückung und Freiheitsberaubung folgt Frieden und Demokratie.

So einfach ist es nicht im Nahen Osten, soviel steht fest. Doch das liegt nicht zuletzt – am fernen Westen.

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Tyrannenmord exklusive

14 Tage nach dem Beginn der ägyptischen Revolution gilt das Hauptziel der Proteste zunehmend als unerfüllbar: Der sofortige Sturz des Präsidenten, bislang das einzige politische Tabu der langsam in Bewegung geratenden NDP, rückt nicht nur mit der Weigerung seines frisch gebackenen Vizes Suleiman, an seiner statt zu regieren, in immer weitere Ferne. Auch der schwache Applaus des demokratischen Westens trägt Schuld an Mubaraks nicht enden wollenden Weigerung, den Krummstab endlich aus der Hand zu geben. Die schwachen Signale aus München widersprechen nicht nur all den Parolen und Idealen, die man im “jüdisch-christlichen Abendland” so gerne beschwört, sondern vor allem dem stolzen Protest eines Volkes, das sich von der Welt beobachtet, aber allein gelassen fühlt.

Wie hat man die Vorschläge Suleimans zu beurteilen, die da wären: Bildung eines verfassungsgebenden Komitees, Garantie der Pressefreiheit und Ende des dreißigjährigen Staatsnotstands vor dem Hintergrund der Weigerung, über eine Regierung der nationalen Einheit auch nur nachzudenken? Tyrannenmord  exklusive? Egal, wie der Westen auf diese Vorschläge reagieren wird, egal, was oppositionelle Führer vor Ort verhandeln werden: Was ist dem Volk eine Freiheit wert, die mit dem Verlust des Sieges erkauft werden muss?

Diese Revolution hat nicht am Verhandlungstisch begonnen und wird nicht am Verhandlungstisch enden. Ausschlaggebend für den Frieden im Land, der doch die Voraussetzung für jeden Aufbau bildet, ist nicht die Kompromissfähigkeit einer bis zur Unkenntlichkeit befriedeten Opposition. Wer diese einfache Erkenntnis außer Acht lässt, streut sich und seinen Wählern Sand in die Augen – auf beiden Seiten des Mittelmeers.

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Verbrannte Erde

Sollte irgendeinem Staatsmann, irgendeinem Bürger der westlichen Welt wirklich noch nicht klar gewesen sein, aus welchem Grund das ägyptische Volk mit dieser Vehemenz Tag für Tag auf die Straße gegangen ist, das Tränengas und die Knüppel auf sich nahm und ausharrte, auch als das Militär in den Straßen aufzog, dann hatten die Bilder, die uns alle heute aus Kairo erreichten, sicher eine katharsische Wirkung auf ihn.

Der heutige Tag wird als die gewaltsame Wende des friedlichen Protests in die Geschichte dieser Revolution eingehen, und nicht umsonst spricht man in der Presse nun vom “Battle for Egypt” anstelle der “Revolte am Nil”. Doch diese Wende folgt keinem Naturgesetz, sondern den brutalen Anweisungen eines einbetonierten Führers, der sein Land höchstens als “verbrannte Erde” in die Hand seiner Feinde fallen lassen will. Hosni Mubarak, der lächelnde Despot, hat seine Anhänger auf Kamelen und Pferden einreiten lassen, und die Gestalt seiner Rächer weist auch den von ihm anvisierten Weg: zurück ins Mittelalter, zurück in die Zeit der Notstandsgesetze und der alles beherrschenden Angst, zurück zum Polizeistaat mit seinen alltäglichen, nicht selten tödlichen Schikanen.

Wer einmal in ganz gewöhnlichen Friedenszeiten erlebt hat, wie Kairener Verkehrspolizisten auf Fahrer einprügeln, bloß weil sie auf der falschen Höhe der Straße ihre Fahrgäste aus- oder einsteigen ließen, wird sich kaum verwundert zeigen über die Mittel, zu denen das sterbende Regime und seine Handlanger greifen, um die eigenen Pfründe zu retten. Skrupellos bemüht man Bürgerkriegsbilder, um am Midan Tahrir, dem Platz der Befreiung, der friedlichen Erhebung seine blutige Handschrift aufzudrücken: Männer, die Bauschutt, Stühle, ganze Kühlschränke von Dächern herab auf friedliche Demonstranten werfen, eine feige Armee von Spannern in Flecktarn und gepanzerten Fahrzeugen und Teppiche von Molotow-Cocktails, mit denen das Nationalheiligtum, das Ägyptische Museum von Kairo, in Brand gesetzt werden soll.

Der von der ägyptischen Jugend und allen politischen Oppositionsparteien eingeforderte Aufbruch kann sich nicht in einer kosmetischen Wende erschöpfen. Minister-Rochade hier, Wahlversprechen dort – die ersten Schritte der Regierung Mubarak hin in eine demokratischere Zukunft veranschaulichen die maßlose Arroganz, mit der man in seinen Kreisen auf den Pluralismus herabzublicken gewohnt ist. Dies verrät auch die Ankündigung seines neuen Vize-Präsidenten, Verhandlungen mit der Opposition werde es erst geben, wenn die Demonstrationen aufgehört hätten.

Ein gefährliches Spiel, auf das sich der nervöse Präsident da eingelassen hat. Denn eines verrät schon ein kurzer Blick auf den “Platz der Befreiung” in Kairo, aber auch auf die Straßen von Alexandria, Mansura und Luxor: das Volk versteht mehr von Demokratie als jene, die sich davor zu schützen versuchen. Und es weiß um die Macht der Geduld.

(Bilder: Screenshots Al Jazeera, Feuer neben dem Ägyptischen Museum)

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Worte, zu sprechen durch den Pharao

Viele altägyptischen Texte sind im Stil einer direkten Rede gehalten. Sie beginnen immer mit den selben Worten: dsched medu in, “Worte zu sprechen durch” oder knapper formuliert: “Es spricht XY”. In der Regel folgen standardisierte Phrasen, eine Aneinanderreihung von Titeln und Wünschen, die sicher nicht nur moderne Ägyptologiestudenten gelegentlich in einen schläfrigen Zustand versetzten. Ägyptische Herrscher, die ihre Taten auf Stelen und auf Tempelwänden verewigten, neigten von jeher zu einem strengen Formalismus: Nie habe ein Herrscher die Grenzen des Landes so weit gesteckt, nie haben das Land mehr Opfergaben an die Götter überbracht, kurzum: mit ihm sei die Ordnung in ein durch und durch chaotisches Land eingetreten. Kein Wunder, dass jede Regierungszeit wieder mit dem Jahr 1 zu zählen begann.

Es braucht nicht viel Phantasie, sich in pharaonische Zeiten zurückzudenken, wer diese Tage Al Jazeera oder CNN eingeschaltet hat. Vor wenigen Minuten sprach dort erneut ein Pharao, live aus seinem abgeriegelten Palast heraus, seine reichlich altägyptischen Worte. Beinahe hört man sie schon hämmern, die kleinen Meißel an den Tempelwänden und Monumenten, doch die Steinmetze des Landes haben die Arbeit niedergelegt. Dass er stolz auf seine Regierungszeit sei und dass er nicht wieder antreten werde, hört man ihn ankündigen. Dass die Proteste gegen ihn von politischen Gegnern geschürt seien, die Chaos im Land regieren sehen wollen, hört man ihn verurteilen. Dass er das Parlament bitten werde, die Regierungszeit seines Nachfolgers zu verkürzen, und dass er von der Geschichte beurteilt werden wird, hört man ihn prophezeien.

Der Pharao tritt zurück, in Raten. Noch will er es nicht wahrhaben, dass er diese Woche aller Voraussicht nach politisch nicht überleben wird. Doch wie heißt es so schön in den altägyptischen Texten? “Er möge leben wie der Sonnengott in Ewigkeit und Ewigkeit”. Amen, möchte der Christ ergänzen, inscha-Allah, der fromme Muslim. Diesen Wunsch wird dem letzten Pharao am Nil wohl weder der greise Sonnengott noch Allah erfüllen können. Es wird schon etwas Glück erfordern, jenen originellen Hinweis zu vergessen, den er seinen “politischen Gegnern”, sprich dem Volk, selbst mit auf dem Weg gegeben hat: Er, Hosni Mubarak, werde auf dem Boden Ägyptens sterben.

Mubarak ist für Wahlen im September. Die Straße wird zeigen, ob er diese Galgenfrist erhält. Genug Zeit für den Pharao, sich von politischer Propaganda auf den größten Schatz der altägyptischen Quellen umzustellen: die Jenseitsliteratur.

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Das Volk greift zur Harpune

Die versuchte Plünderung und die tatsächlichen Zerstörungen im Ägyptischen Museum von Kairo am vergangenen Freitag gehören sicherlich zu den bislang schmerzlichsten Folgen der Umwälzungen in Ägypten. Schmerzlich nicht, weil sich materielle Verluste auch nur annähernd mit dem Leid und dem Tod von Zivilisten vergleichen ließe. Aber doch in dem Sinne, als die Zerstörung von Kulturkult einen unwiederbringlichen Verlust hervorbringt, den viele Überlebende beklagen werden.

 

 

 

 

Abb. 1: Der König auf dem Panther, Fragment des Königs


Die wenigen Bilder, die dank der mutigen Kameraleute von Al Jazeera schon am folgenden Tag um die Welt gingen, zeigten ein Bild der Verwüstung im oberen Geschoss des Kairener Museums. Trümmer von Glas mischen sich unter die Reste von hölzernen Artefakten und Objekten aus Stein und Bronze.

 

 

 

 

Abb. 2: Der König auf dem Panther, Fragment des Panthers


Wie aktuelle Aussagen von Antikenchef Zahi Hawass und Ex-Museums-Direktorin Wafaa Al-Saddik nahelegen, wurden insgesamt 13 Vitrinen beschädigt, darunter die Behausung eines nun stark beschädigten Schiffsmodells und das der hölzernen Soldaten des Mesheti im westlichen Gebäudeteil sowie mindestens eine Vitrine mit goldenen Statuen des Tutanchamun im östlichen Flügel des Museums.

Zwei der schönsten rundplastischen Werke des Neuen Reichs sind damit verloren oder zumindest stark beschädigt: der König auf dem Panther (Abb. 3, links) und der harpunierende König auf dem Boot (Abb. 4, rechts). Da von beiden Bildwerken Doubletten aus dem gleichen Grab existieren, ist nicht ganz klar, welche Vitrine von der Zerstörung betroffen ist. Die Lage und das Fehlen weiterer Statuenfragmente auf den Bildern von Al Jazeera lassen darauf hoffen, dass es sich um die westliche Vitrine gehandelt hat, deren zwei mittlere Exponate derzeit auf einer Wanderausstellung in den USA unterwegs sind und folglich in Kairo durch zwei Fotos (siehe Abb. 5) ersetzt worden waren.

links der harpunierende König, rechts der König auf dem Panther

 

 

 

 

 

 

Abb. 5: Die Vitrine vor ihrer Zerstörung


Dass Schlimmeres verhindert wurde, verdankt die ägyptische Antikenbehörde übrigens nicht etwa den eigenen Wachleuten, sondern vielmehr dem mutigen Eingreifen von Zivilisten, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, die ägyptischen Kulturgüter vor weiteren Angriffen zu schützen. Im Gegenteil: Al-Saddik macht die eigenen Leute für diesen Akt des Vandalismus verantwortlich: “Das waren die Wächter des Museums,” sagt sie der ZEIT in einem Interview. “Einige von den Polizisten haben offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, um nicht als Polizisten erkennbar zu sein. Eine zweite Gruppe der Täter ist dann von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen sind alle im ersten Stockwerk, wo sich auch der Schatz des Tutanchamun befindet.” Unruhestifter im Auftrag des Regimes anstatt echter Krimineller?

 

 

 

 

Abb. 6: Der harpunierende König, Fragment

 

Der harpunierende König war einst das Sinnbild für den Triumph des Guten über die Mächte des Chaos. Er war es, der im Diesseits das übelbringende Nilpferd besiegte. Und Nacht für Nacht war es seine Aufgabe als jenseitiger Beschützer des Sonnengottes, die Angriffe der Unterweltsschlange Apophis auf ihn und seine Barke abzuwehren, um einen weiteren Sonnenaufgang, einen weiteren Tag in Frieden und Ordnung zu ermöglichen.

Im Hinblick auf die Ereignisse des vergangenen Freitags bleibt bei allem Kummer auch eine hoffnungsvolle Bilanz: In Zeiten, in denen der Herrscher zur Schlange verkommt, greift das Volk nach der Harpune.

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Kein Fest für den Pharao

Ein Gespenst geht um in Ägypten – das Gespenst des Hosni Mubarak. Der greise Pharao ist längst angezählt, doch noch wehrt er sich gegen das Unvemeidliche. Der Widerstand im Land hat sein Konterfei schon vor Tagen von den Straßenrändern auf seine Pappschilder verbannt. Fette rote Striche durchkreuzen nun sein Lächeln wie seine Pläne: das Land am Nil um jeden Preis in der Familie zu halten. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben,“ möchte man ihm beinahe mitleidig ins Ohr flüstern. Wären da nicht die Toten und die Ängstlichen, die allein der Starrsinn des Präsidenten auf dem Gewissen hat und die jedes Mitgefühl verbieten.

Wie ein Fluch liegt Mubaraks Weigerung, die Zügel aus der Hand zu lassen, über der allerorts spürbaren Aufbruchsstimmung. Als am historischen Freitagabend nach zahlreichen Schlachten mit wütenden Demonstranten die Polizei von den Straßen des Landes verschwand, errang das Volk sein viel beachtetes 1:0. Sein 2:0, zählt man die Demonstrationen selbst hinzu, die sich trotz Vernichtung aller digitaler Kommunikationswege durch das Regime ihren Weg in die Zentren der Städte und die Herzen der Bevölkerung bahnten. Als schließlich die Armee aufzog, befürchteten viele westlichen Beobachter eine Eskalation. Doch die winkenden Demonstranten verrieten: Hier bezog höchstens eine Drohgebärde, kein echter Feind seine Stellung.

Tunis als Vorbild hat ausgedient; die Schnelligkeit der Ereignisse spricht längst für eine Vorbildfunktion der ägyptischen Bewegung. Auch die Furcht vor iranischen Verhältnissen scheint unbegründet – zu viel Zeit hatte der Hass auf den Potentaten, sich in 30 Jahren unter der Oberfläche von Notstandsgesetzen und albernden Scheinwahlen in den Herzen der breiten Masse festzusetzen. Wollte man unbedingt vergleichen, um zu verstehen, so böte sich eher der Putsch des Generals Gamal Abdel Nasser gegen den Herrscher von Britanniens Gnaden, König Faruk, an: Ähnlich muss es sich angefühlt haben im ganzen Land, als man am 23. Juli 1952 daran ging, die erste ägyptische Republik zu installieren.

So beliebt Staatsgründer Nasser noch immer in der Bevölkerung ist: seine Partei hat sichtbar abgewirtschaftet. Wenn NDP-Sprecher am Wochenende der Kritik an Mubaraks Regierungsdauer mit dem Verweis auf 11 Jahre Margaret Thatcher begegnen, klingt hier neben der üblichen Parteirhetorik schon so etwas wie Verzweiflung an. Noch geben die meisten westlichen Staaten dem Ringen des Präsidenten um seine Macht durchaus Recht: Keine Regierung hat abseits kritischer Ermahnungen den Mut aufgebracht, sich offen auf die Seite der ägyptischen Bevölkerung zu stellen. Die Ernennung Suleimans zum ersten Vizepräsidenten Ägyptens seit 30 Jahren ist nicht nur ein erstes Eingeständnis von Verwundbarkeit, sondern zugleich ein Signal Mubaraks an die USA und Israel: Ägypten bleibt an Eurer Seite, was immer geschieht. Dass ein solches Signal seine eigene politische Halbwertszeit nicht unbedingt verlängern wird, kann als weiterer Beweis für das fundamentale Unverständnis Mubaraks für die gegenwärtige Situation verstanden werden.

Altägyptische Pharaonen feierten in ihrem 30. Regierungsjahr übrigens das so genannte Sedfest. Es sollte dazu dienen, ihre Kraft durch eine rituelle Wiedergeburt zu erneuern. Mubarak wird diese Gelegenheit wohl nicht bekommen.

(Bild: monasosh)

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