Die versuchte Plünderung und die tatsächlichen Zerstörungen im Ägyptischen Museum von Kairo am vergangenen Freitag gehören sicherlich zu den bislang schmerzlichsten Folgen der Umwälzungen in Ägypten. Schmerzlich nicht, weil sich materielle Verluste auch nur annähernd mit dem Leid und dem Tod von Zivilisten vergleichen ließe. Aber doch in dem Sinne, als die Zerstörung von Kulturkult einen unwiederbringlichen Verlust hervorbringt, den viele Überlebende beklagen werden.

Abb. 1: Der König auf dem Panther, Fragment des Königs
Die wenigen Bilder, die dank der mutigen Kameraleute von Al Jazeera schon am folgenden Tag um die Welt gingen, zeigten ein Bild der Verwüstung im oberen Geschoss des Kairener Museums. Trümmer von Glas mischen sich unter die Reste von hölzernen Artefakten und Objekten aus Stein und Bronze.

Abb. 2: Der König auf dem Panther, Fragment des Panthers
Wie aktuelle Aussagen von Antikenchef Zahi Hawass und Ex-Museums-Direktorin Wafaa Al-Saddik nahelegen, wurden insgesamt 13 Vitrinen beschädigt, darunter die Behausung eines nun stark beschädigten Schiffsmodells und das der hölzernen Soldaten des Mesheti im westlichen Gebäudeteil sowie mindestens eine Vitrine mit goldenen Statuen des Tutanchamun im östlichen Flügel des Museums.

Zwei der schönsten rundplastischen Werke des Neuen Reichs
sind damit verloren oder zumindest stark beschädigt: der König auf dem Panther (Abb. 3, links) und der harpunierende König auf dem Boot (Abb. 4, rechts). Da von beiden Bildwerken Doubletten aus dem gleichen Grab existieren, ist nicht ganz klar, welche Vitrine von der Zerstörung betroffen ist. Die Lage und das Fehlen weiterer Statuenfragmente auf den Bildern von Al Jazeera lassen darauf hoffen, dass es sich um die westliche Vitrine gehandelt hat, deren zwei mittlere Exponate derzeit auf einer Wanderausstellung in den USA unterwegs sind und folglich in Kairo durch zwei Fotos (siehe Abb. 5) ersetzt worden waren.

Abb. 5: Die Vitrine vor ihrer Zerstörung
Dass Schlimmeres verhindert wurde, verdankt die ägyptische Antikenbehörde übrigens nicht etwa den eigenen Wachleuten, sondern vielmehr dem mutigen Eingreifen von Zivilisten, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, die ägyptischen Kulturgüter vor weiteren Angriffen zu schützen. Im Gegenteil: Al-Saddik macht die eigenen Leute für diesen Akt des Vandalismus verantwortlich: “Das waren die Wächter des Museums,” sagt sie der ZEIT in einem Interview. “Einige von den Polizisten haben offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, um nicht als Polizisten erkennbar zu sein. Eine zweite Gruppe der Täter ist dann von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen. Die Zerstörungen sind alle im ersten Stockwerk, wo sich auch der Schatz des Tutanchamun befindet.” Unruhestifter im Auftrag des Regimes anstatt echter Krimineller?

Abb. 6: Der harpunierende König, Fragment
Der harpunierende König war einst das Sinnbild für den Triumph des Guten über die Mächte des Chaos. Er war es, der im Diesseits das übelbringende Nilpferd besiegte. Und Nacht für Nacht war es seine Aufgabe als jenseitiger Beschützer des Sonnengottes, die Angriffe der Unterweltsschlange Apophis auf ihn und seine Barke abzuwehren, um einen weiteren Sonnenaufgang, einen weiteren Tag in Frieden und Ordnung zu ermöglichen.
Im Hinblick auf die Ereignisse des vergangenen Freitags bleibt bei allem Kummer auch eine hoffnungsvolle Bilanz: In Zeiten, in denen der Herrscher zur Schlange verkommt, greift das Volk nach der Harpune.