Kein Grund zu feiern

Die Franzosen feiern den Jahrestag ihrer Revolution nicht nur mit Feuerwerk und ausladenden Bällen, sondern auch mit Militärparaden. Auf marschierende Soldaten haben die ägyptischen Revolutionäre an ihrem ersten Jahrestag vermutlich keine Lust. Zum einen, weil man dort schon genug Ärger mit regierenden Soldaten hat. Zum anderen, weil derzeit höchstens Letztere in Feierlaune sein dürften.

Die Bilanz von einem Jahr Revolution am Nil ist in der Tat ernüchternd. Ja, der Präsident ist zurückgetreten und ja, er steht derzeit vor einem zivilen Gericht wegen der Tötung von Demonstranten. Und ja, es gab die ersten einigermaßen fairen demokratischen Wahlen im Land, bei der die einstmals staatlich unterdrückten Kräfte die größten Gewinne einfahren konnten. Ein wenig Feierstimmung wäre also denkbar – wäre da nicht das zweischneidige Damoklesschwert des allmächtigen Militärrats. Und der hat es in den vergangen 12 Monaten trotz anfänglicher Euphorie wahrlich verstanden, es sich mit den liberalen Kräften des Landes zu verderben.

Über 12000 durch Militärtribunale verurteilte Zivilisten, eine Zensurpolitik, die selbst Mubarak das Staunen gelehrt hätte, und ein Sicherheitsapparat, der auf Versammlungen gezielt in die Augen von Demonstranten schießen lässt, machen klar, warum die stete Erklärung, das Militär setze sich für die Ziele der Revolution ein, nicht nur in oppositionellen Ohren wie Hohn klingen muss. Daran ändert auch die heutige Erklärung des Militärrats, die seit Jahrzehnten geltenden Notstandsgesetze ab heute außer Kraft setzen zu wollen, nicht mehr viel. Zu spät und zu wage, lautet hierzu das Urteil der säkularen Kräfte.

Im vor zwei Tagen zusammengetretenen Parlament saßen sich zum ersten Mal die alten und die neuen Oppositionellen gegenüber. An den Mehrheitsverhältnissen der Mubarak-Ära hat die Wahl freilich nichts geändert: Auf den Sitzen der aufgelösten Regierungspartei NDP haben nun – fast ebenso zahlreich – die Muslimbrüder und die Salafisten Platz genommen; die liberalen Abgeordneten aber scheinen mit ihren nicht mal 90 Sitzen die bekannte Rolle der ohnmächtigen Opposition neu auflegen zu müssen.

Den Auftakt zu künftigen Rededuellen zwischen beiden Gruppen machte unterdessen ein Wettstreit um den kreativsten Eid: Während einige  religiösen Abgeordnete dem Treueschwur auf die Verfassung „insofern Gottes Gesetz davon nicht beeinträchtigt wird“ hinzuzufügen wussten, ergänzten manche Liberale ihren Eid ebenso eigenmächtig um die „Ziele der Revolution“. Und während sich Abgeordnete der neuen Mehrheit dienstbeflissen beim regierenden Militär für seine Verdienste um die Revolution bedankte, wurde einem liberalen Abgeordneten, der sich eher den Versäumnissen und Fehlern der Junta widmen wollte, kurzerhand das Mikrophon abgedreht – und im Rahmen der Liveübertragung mal eben Werbung ausgestrahlt.

Ägypten steht am Jahrestag seiner Erhebung zerrissener und widersprüchlicher da als jemals zuvor. Während die Salafisten ihre Anhänger zum Feiern auffordern und die Muslimbrüder bekannt geben, Sicherheitskontrollen um den Tahrir-Platz herum durchführen zu wollen, rufen die jungen alten Revolutionäre zum Sturm gegen die sich allmählich ausbreitende Revolutionsverdrossenheit. Ihre Form, dem historischen Ereignis zu gedenken, ist denn auch weder staatstragend noch verklärt: Demonstrationen anstelle von Paraden und wütender Protest anstelle salbungsvoller Reden.

Eine Parallele lässt sich schon jetzt zwischen dem 25.1.2011 und dem 25.1.2012 ziehen: Wieder ist alles offen. Was am heutigen Tag in Ägypten geschehen wird – ob sich Millionen versammeln oder Hunderte, ob es zu Schüssen kommen wird oder zu Verbrüderungen, ob die angekündigten Märsche ein kurzes Aufflackern des Widerstands oder den Beginn einer neuen Revolution darstellen werden – steht nicht weniger in den Sternen als vor einem Jahr. Ambitionierte Ziele müssen nicht automatisch zu einer Enttäuschung führen; das ist die eigentliche Lektion der Revolution.

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Über Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Nach seiner wissenschaftlichen Laufbahn drehte er Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist.
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