Ein Fest für Pest und Cholera

Voting conditions?

Dass der 17. Juni für die Deutschen zu einem bittersüßen Datum geworden ist, verdanken sie zum einen ihrem bewundernswerten Mut, zum anderen der Anwendung militärischer Gewalt. Dass dieser Tag nun auch für die Ägypter einen zwiespältigen Erinnerungswert bekommen wird, hat erstaunlich ähnliche Gründe: ihren bewundernswerten Mut – wie das Militär.

In diesen Stunden gehen im ganzen Land Menschen zu einer Wahl, die viele von ihnen für eine doppelte Farce halten. Zum einen, weil ein Islamist und ein Konterrevolutionär zur Wahl stehen, die die für diese Wahl erforderliche Revolution weder begrüßt noch unterstützt haben. Zum anderen, weil die wahre Macht im Lande – das Militär – erst vor ein paar Tagen demonstriert hat, wie ernst sie ein Wahlergebnis im Zweifelsfall nimmt. Die unbequeme religiöse Mehrheit im Parlament ist seit dieser Woche erst einmal Geschichte – und wird es wohl auch bleiben, wenn es nach dem Willen des SCAF geht, dem kaum jemand etwas entgegenzusetzen hat.

Der 17. Juni wird – über Ägypten hinaus – zu einem denkwürdigen Datum. Wieder einmal sind es – wie schon im Fall der DDR – nicht die lokalen, sondern die globalen Interessen, die eine Revolution im Keim zu ersticken drohen. Man braucht kein Weltverschwörer zu sein, um zu verstehen, dass die demokratische Opposition in Ägypten kaum Verbündete hat. Wer heute zur Wahl steht, hat im Ausland finanzkräftige Unterstützer. Wie schon 1953 sind es miteinander streitende, aber letztlich aufeinander angewiesene Kräfte, die hier am Wirken sind.

Ägypten hat keine Wahl, zumindest heute nicht. Erkundigt man sich bei jenen, die im vergangenen Jahr die Revolution vom Platz in die Paläste getragen haben, stößt man vor allem auf Ernüchterung. Dabei ist das liberale Lager durchaus gespalten: Während für die einen die Wahl des Muslimbruders Mursi die einzig denkbare Alternative darstellt, um dem Militär und ihrem Favoriten einen Denkzettel zu verpassen, ergreifen andere Partei für eben jenen – allein, um das Land vor einer religiösen Wende zu bewahren. Der größte Teil der ehemaligen Revoluzzer aber bleibt beim Protest – und versucht, sich durch Wahlenthalt vom Ruch des Stimmviehs zu bewahren. In den Hochrechnungen wird dieses Lager, egal wie viele Millionen es umfasst, naturgemäß keine Rolle spielen.

Neulich wurde ich gefragt, welche Haltung man als verantwortungsbewusster Deutscher dem ägyptischen Wahlspektakel gegenüber an den Tag legen sollte. Und ob es nicht letztlich ein Glück sei, dass das Militär ein Abrutschen des Landes in den Fundamentalismus verhindern werde – schon zum Wohl aller Minderheiten im Land.

Wenn wir eines durch unseren eigenen 17. Juni gelernt haben, dann doch wohl dieses: Demokratie, die sich im Namen und in sinnlosen Wahlen erschöpft, schützt vor allem eine Minderheit: jene, die regiert.

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Über Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Nach seiner wissenschaftlichen Laufbahn drehte er Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist.
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