Ikone wider Willen

Äußerlich hat er sich kaum verändert. Fady es Sawy lächelt schüchtern, als er durch die Halle des ehrwürdigen, aber etwas schäbigen Café Groppy auf mich zukommt. Mit seiner hohen, fast schlaksigen Gestalt sticht er auffallend aus der Menge der übrigen Gäste heraus. Wir umarmen uns, und für einen Augenblick genieße ich die Nähe eines Menschen, um dessen Leben ich in den letzten Monaten so oft gebangt habe. Fady es Sawy ist unfreiwillig zu einer Ikone des Widerstands geworden.

Ich denke an die Bilder, die mich im Herbst des vergangenen Jahres über Facebook erreicht haben. Menschenmassen halten Transparente mit Fadys Namen in die Luft; bekannte ägyptische Regisseure tragen während Preisverleihungen T-Shirts mit Fadys Gesicht auf ihrer Brust; ‚Free Fady!‘ wird über Nacht zu einem Schlachtruf all jener, die die noch junge Revolution bereits wieder in Gefahr wähnen. Keine zwei Monate nach unserem gemeinsamen Dreh über die Rolle von Künstlern während der Revolution war er selbst zu einem revolutionären Künstler geworden.

Der Ober kommt, murmelt etwas von seinen Wünschen. Fady bestellt einen Kaffee, sada – ohne Zucker. Er muss nachher noch mit seinen Studienkollegen für eine Prüfung lernen. Ich frage ihn, ob er über seine Verhaftung sprechen möchte. Fady lächelt. Er tue seit Monaten kaum etwas anderes. Und dann erzählt er mir das, was mir Zeitungen und Videos bislang verschwiegen haben. Fady, der Kameramann, der in Bildern und Stimmungen denkt, wählt seine Worte so sorgsam wie eine lange vorbereitete Einstellung. Die physische und psychische Tortur, die die Haft und die endlosen Verhöre begleitet haben, sind ihm nicht anzuhören.

Fady erzählt von der Willkür der Polizisten, die ihn mitten am Tag in Zivil von der Straße weg verhaftet haben, bloß weil er eine Kamera bei sich trug. Er erzählt von den Verwirrspielen und den Androhungen, den ständigen Beschuldigungen, den üblen Haftbedingungen. Von dem Widerstand auf der Straße, den Anrufen seiner Mutter in Fernsehsendungen, dem Protest seiner Filmhochschule hat er erst später erfahren. Im Knast ging es vor allem darum, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Sich keinen Fehler zu leisten, während man tagein, tagaus mit den Fehlern einer unvollendeten Revolution konfrontiert wird. Ob die Haft seinen Widerstand gebrochen habe, will ich wissen. Fady schüttelt energisch den Kopf, das einzige Mal an diesem Abend. „Sie wollen Dich zertrampeln, aber weißt Du was? Sie erreichen genau das Gegenteil. Zu Beginn meiner Haft gab es gerade mal zwei Leute in meiner Zelle, die politische Ideen hatten. Am Ende verließen 18 Revolutionäre die Zelle.“

Fady leert seine Tasse und stellt sie behutsam auf die angeschlagene Untertasse. Er müsse nun leider los. Das Chaos in den Köpfen sei nicht das einzige, was sich seit dem Herbst verdoppelt hätte: Auf den Straßen sei inzwischen die Hölle los. Ich lache: „Inzwischen?“ Als wir hinaus an die laue Luft des abendlich beleuchteten Talat-Harb-Platzes treten, werden wir wie zur Bestätigung von einer Kakophonie aus Hupen und Schreien in Empfang genommen. zum Abschied überreiche ich ihm eine DVD mit unseren Aufnahmen aus dem Sommer. Fady lächelt. „Mein Traum war es immer, ein völlig neues Bild zu entwickeln. Ein Bild, das die Kraft hat, Dich durch das Kino in die Wirklichkeit zu holen.“

Rasch verschwindet er in den tosenden Wogen des Verkehrs. Ich muss an ein Foto denken, das ein gemeinsamer Freund kurz nach Fadys Verhaftung von ihm gemacht hat. Ich versuche, den sanften und vorsichtigen Fady mit dem Helden mit den kurzgeschorenen Haaren und der Häftlingskleidung zu vergleichen, der dank seiner ausgestreckten Faust zur Ikone einer geknebelten, aber unbeugsamen Opposition geworden ist. Und ich frage mich, was er wohl davon hält, dass er als Bildermacher nun selbst zu einem so wichtigen Bild geworden ist.

Advertisements

Über Nicolas Flessa

Nicolas Flessa studierte Ägyptologe und Religionswissenschaft. Nach seiner wissenschaftlichen Laufbahn drehte er Spiel- und Dokumentarfilme und arbeitet heute als freischaffender Autor und Journalist.
Dieser Beitrag wurde unter Deutsche Version veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s