Neues vom Nil

In ihrer monatlich erscheinenden Kolumne „Neues vom Nil“ äußert sich die junge ägyptische Autorin Samar Gabr aus Alexandria zu aktuellen politischen und sozialen Themen in ihrer Heimat. Viel Vergnügen beim Lesen dieser „Innensicht“, die in ihren Texten auch das Vorfeld der Revolution beleuchtet. Ein kurzer TV-Auftritt von Samar und Nicolas in der Sendung „Leichter Leben“ zum Thema dieses Blogs fand am 13. April 2011 in Berlin statt und ist hier zu sehen.

Religion und Macht (publiziert am 17.08.2012)

Durch die vielfach herbeigewünschte Entlassung des Vorsitzenden des Hohen Militärrats durch den islamistischen Präsidenten Mursi verabschiedet sich Ägypten endlich von der Macht des Militärs. Seit 60 Jahren wurde das Land von der Allmacht der Armee bestimmt. Durch den Beginn unserer Revolution am 25. Januar 2011 wurden wir mit Hosni Mubarak bloß den Kopf der Schlange los; das alte Regime aber starb diesen Sommer.

Doch welchen Preis hat das Volk für die Erfüllung seines Wunsches zu zahlen? Wir treten in eine neue geschichtliche Phase ein, die den Namen »Muslimbruderschaft« trägt. Religion ist plötzlich sehr wichtig geworden. Nicht zuletzt durch einen Präsidenten, der schon in den Wahlen als Kandidat des politischen Islam aufgetreten ist. Seine Reden sind gespickt mit Versen aus dem Koran und den Hadithen, den Aussprüchen des Propheten Mohammed. Ständig führt er den Islam im Mund und wie sich die Sunniten zu verhalten hätten, als ob es im Lande keine Christen, Bahai, Shiiten oder Atheisten gäbe. Mursi klingt wie ein Imam in der Moschee und nicht wie der Präsident eines Landes. Er scheint zu vergessen, dass ihn nur die Hälfte des Landes gewählt hat – und dass von diesen 50% auch nur ein Teil von seinem islamischen Projekt überzeugt waren. Viele sahen in ihm einfach das kleinere Übel angesichts seines Gegenkandidaten Ahmed Shafik vom alten Regime. Von seinen 64 Wahlversprechen, die er in den ersten 100 Tagen seiner Regierung zu erfüllen versprach, hat er bislang kaum etwas umgesetzt. Stattdessen hat er sich um unsere Beziehungen zu Afrika gekümmert, zur arabischen Welt – und zu Israel.

Derzeit haben wir den islamischen Fastenmonat Ramadan. Doch dieses Jahr ist es besonders heiß in den meisten islamischen Ländern. 17 Stunden lang soll man, wenn es nach den religiösen Vorschriften geht, weder essen noch trinken. Jene, die es sich leisten können, gehen daher dazu über, einen Monat lang zu schlafen, so lange es geht, und dann sehr wenig zu arbeiten. Nach dem Fastenbrechen bei Sonnenuntergang sehen sie fern, beten und lesen im Koran. Beim Taxifahren fällt mir immer wieder auf, dass sich die meisten Fahrer nicht an dieses Gebot zu halten scheinen, Auch die Cafés, an denen wir vorbeifahren, sind voll wie selten – und das lange vor Sonnenuntergang. Jene Lokale, die Alkohol ausschenken, müssen im Ramadan schließen oder ihren Verkauf ausschließlich auf Ausländer beschränken. Viele von ihnen waren kurz vor dem Ramadan so gut wie leer gekauft.

Als Ägypterin mit einem anderen Pass kann ich also durchaus Alkohol trinken. Als Ägypterin mit einem ägyptischen Pass ist das nicht möglich. Und warum? Weil ich damit die Traditionen und die Gefühle der Mehrheit der Gesellschaft verletzen würde. Wenn aber unser Präsident in seinen Reden ausschließlich über die muslimischen Bürger und die islamischen Werte Ägyptens spricht, ist das keine Beleidigung für die anderen Bürger.

Viele jener Menschen, die kurz vor dem Ramadan Alkoholvorräte bunkerten und sich jetzt nicht an das Fasten halten, haben auch die Muslimbrüder gewählt. Sie meinen, dass es reicht, dass ein ziviler Präsident an der Macht ist, damit alles gut im Lande wird. Sie merken nicht, wie paradox sie sich verhalten.

Ägypten hat noch einen langen Weg im Kampf um die individuellen Freiheiten. Oder wir werden zum Zeuge eines Wandels vom militärischen zum religiösen Faschismus. In anbetracht unserer Möglichkeiten nicht wirklich eine intelligente Entscheidung.

Die verramschte Revolution (publiziert am 16.07.2012)

Nachdem wir nun endlich einen Präsidenten haben (auch wenn unklar ist, welche Machtbefugnisse er im Vergleich zu seinem ungeliebten Vorgänger im Endeffekt haben wird) versuchen derzeit die Liberalen und Islamisten, ihren ganz persönlichen Weg durch Ägyptens Gesellschaft zu bahnen. Während sich die Islamisten in Diskussionen über Schleier und Kleiderordnung ergehen und dabei sind, Alkohol zu verbieten, gehen Hunderte von Frauen auf die Straße, um gegen die zunehmenden Fälle sexueller Belästigung zu protestieren. Ihre revolutionäre These: Freie Kleiderwahl ist kein legitimer Grund für Männer, ihre weiblichen Artgenossen als Freiwild zu betrachten, das nach Herzenslust gejagt und erlegt werden darf.

Nach dem Wahlgewinn des Muslimbruders Mohammed Mursi hatte im ganzen Land ein intensiver Dialog bezüglich möglicher Kleiderregeln stattgefunden – natürlich vor allem auf Seiten der Männer. Als ob Kopfbedeckungen und freie Ellenbogen unsere dringlichsten Probleme wären! Frauen hingegen setzten auf Agressivität gegenüber jenen, die sie seit der Lockerung der Sicherheitsstandarts in immer größerer Zahl belästigen.

Ich selbst musste diese Woche energisch meinen Finger erheben, als mich ein wildfremder Mann mitten im Verkehr anzufassen versuchte. Ich kann einfach nicht verstehen, wie ein Volk, das sich bei den Wahlen mehrheitlich für religiöse Parteien ausspricht, sich gleich im Anschluss in der Belästigung ihrer Mitbürgerinnen betätigt – mit dem fadenscheinigen Argument, unverschleierte und modern gekleidete Frauen wären durch ihre Kleiderwahl offenkundig damit einverstanden, vergewaltigt zu werden. Und das, obwohl sowohl unsere christlichen als auch unsere muslimischen Würdenträger und Instanzen das ebenso verbieten wie unsere heiligen Schriften.

Im Gegensatz zu dem Gebot, Frauen auf offener Straße zu Opfern der Begierde werden zu lassen, gibt es für das immer wieder geforderte Alkoholverbot tatsächlich Belege im Koran, die man schwerlich leugnen kann. Trotz alledem zog neulich eine mutige Gruppe von Demonstrantinnen und Demonstranten vor den Präsidentenpalast, um sich für einen unbeschränken Zugang zum Alkohol stark zu machen. Ob das aus gesundheitspolitischen Aspekten heraus sinnvoll ist, mag dahin gestellt sein; fest steht: Sie als Christen, Muslime und Atheisten verweigern sich einer Politik, die vorhat, Gott auf Erden zu vertreten.

Ein weiteres Ergebnis des neuen Muts im Lande sind die Demonstrationen der Bahai. Diese staatlich nicht anerkannte Religionsgemeinschaft demonstriert seit einigen Wochen für ihr gutes Recht, wie das Judentum, Christentum und der Islam unter staatlichen Schutz gestellt zu werden. Die Gegner einer solchen Anerkennung argumentieren gewohnt mittelalterlich: Wer unsere Meinung (sprich: unseren Glauben) nicht teilt, hat in unserem Land nichts zu suchen. Die Liberalen halten fleißig dagegen und fordern für die Verfassung das Recht zu denken und zu wählen, was man will.

Der neue Präsident aber, unser erster, frei gewählter Präsident, er scheint den meisten Ägyptern bereits wie der Geist aus der berühmten Wunderlampe. Jeder hat einen anderen Wunsch an ihn, und nicht viele dieser Wünsche widersprechen sich. Unser neues Problem lautet Ungeduld – verständlich für ein Volk, das so lange unterdrückt worden ist. Problematisch wird das erst, wenn alle nur noch sprechen – und keiner mehr die Zeit findet, zuzuhören.

Die Wahlen werfen ihre Schatten voraus (publiziert am 15.5.2012)

Ägypten steht rund. Plötzlich interessiert sich niemand mehr für die Fussballmeisterschaft, die wegen der brutalen Ereignisse im Stadion von Port Said im Februar (bei Ausschreitungen starben 70 Menschen) gänzlich abgesagt wurde. Statt dessen interessiert man sich für Politik und bleibt wach, um Late Night Shows mit den Kandidaten der ersten freien Präsidentenwahl im Fernsehen zu sehen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes gab es sogarein Fernsehduell zweier Kandidaten, die darum stritten, wer das bessere politische Programm für Ägypten hat. Die Meinung über solche Sendungen sind gespalten.

Während sie die einen als willkommenes Ergebnis der Revolution betrachten, sehen die anderen in ihnen ein beunruhigendes Werkzeug, das zuschauenden Wahlvolk vollends zu verwirren. Ihrer Meinung nach können sie kaum zu einer Entscheidungsfi ndung beitragen, jedoch zu einer für die TV-Sender äußert einträglichen Steigerung der Einschaltquoten. Ich halte das für Haarspalterei – endlich wird auf den Straßen offen darüber diskutiert, welchen Kandidaten man präferiert und sich für das Amt des Staatenlenkers vorstellen könnte.

Letztens brach unter den Liberalen eine Diskussion über die islamistischen Kandidaten wie Abu Futuh aus, der in seiner Kampagne auch linksgerichtete Mitglieder hat, sich aber nicht von einer wörtlichen Auslegung der islamischen Gesetzgebung (Scharia) distanziert hat. Israel gegenüber nimmt er eine harte Haltung ein, bezeichnet das Land als Feind und seine Nuklearwaffen als Bedrohung für die gesamte Region, eine Meinung, die ihm viele Sympathien im Volk einbringt.

Noch behauptet er, keinen Schleierzwang für Frauen zu wollen, doch die Liberalen glauben ihm die plötzliche Offenheit nicht so recht: War er doch 40 Jahre Mitglied der Muslimbruderschaft. Viel zu groß ist ihrer Meinung nach die Gefahr, dass er als Präsident in den Kreis seiner ehemaligen Mitstreiter zurückkehren könnte. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Unterstützung durch die Salafi sten: Welche Wahlversprechen hat er den Ultrareligiösen für den Fall seiner Wahl gemacht?

Futuh, der durch die Ankündigung seiner Kandidatur im Februar aus der Partei der Muslimbrüder ausgeschlossen worden ist, tritt bei dieser Wahl als Unabhängiger an. Innerhalb seiner alten Partei galt er als liberal. Seine Glaubwürdigkeit ist u.a. darauf zurückzuführen, dass er unter Mubarak fünf Jahre im Gefängnis war – und die Revolution vom ersten Tag an unterstützte. Doch bis heute wartet man vergeblich für eine Distanzierung von den islamistischen Attentätern, die in den 1990er Jahren so viele Touristenleben gefordert hatten.

Andere Kandidaten sind in ihren Überzeugungen klarer erkennbar. Ob Islamisten wie Mohammed Mursi (der offizielle Kandidat der Muslimbruderschaft) oder Hamdin Sabahy, der Sozialist, der Gamal Abdel Nasser als sein Vorbild bezeichnet. Oder Chaled Ali, der jüngste Kandidat, der einen revolutionären Sozialismus vertritt. Oder Technokraten wie Ahmed Shafik, der letzte Ministerpräsident aus der Mubarak-Zeit. Dieser wird jedoch von den meisten Libralen abgelehnt, da er in die Korruption dieser Ära selbst tief verwickelt ist. Auch Amr Mussa, heute ein Wirtschaftsliberaler und Mubarak-Kritiker, war jahrzehntelang ein Bürokrat des Regimes. Zuletzt war der 75-Jährige sogar Vorsitzende der Arabischen Liga, davor zehn Jahre Außenminister Ägyptens. In den Friedensverhandlungen mit Israel spielte er eine wesentliche Rolle. Heute präsentiert er sich als unpolitischer Technokrat, der aufgrund seiner Erfahrung der geeignete Mann für Ägyptens höchstes Amt sei. Viele Ägypter sehen in ihm trotz der Verstrickung in das alte System den richtigen Mann für diese bewegte Zeit – der einzige, der die wirtschaftliche Lage verbessern und neue Investoren und Touristen ins Land bringen kann. Sein größter Vorteil: Er ist kein Islamist. Angesichts der islamistischen Mehrheiten im Parlament, das bis jetzt keine vernünftigen Entscheidungen zu Wege brachte, ein Pluspunkt für viele, die genug haben von den Versprechungen der Religiösen. Die Liberalen aber lehnen ihn ab – unvergessen für viele sein Auftritt in einer TV-Sendung der Mubarak-Zeit, in der er zur Wahl des Dauer-Präsidenten aufrief und seine eigene Kandidatur vehement ausschloss.

Doch am Ende sind es weder die Liberalen noch die Islamisten, die diese Entscheidung fällen werden. Das ist ja das Gute an einer demokratischen Revolution: Nun liegt es ganz allein am Volk, wer das Schicksal dieses Landes bestimmen wird. Und das auch nur für fünf Jahre.

Am Tag der ägyptischen Einheit (publiziert am 13.3.2011)

»Ich bin nicht an britischen Werten interessiert. Ich bin an den ägyptischen Werten interessiert.« (John Rees, britischer Publizist und Aktivist)

Seit Langem war das machiavellistische »Teile und herrsche!« ein viel zitiertes Motto der Diktatoren in aller Welt, so auch des ägyptischen Regimes, das sich seit den siebziger Jahren in dieser Kunst übte. Denn: Wer sein Volk teilt, hat es im Zweifelsfall nicht gegen sich.

Am heutigen »Freitag der Einheit« fanden in ganz Ägypten Demonstrationen für die Einheit und Brüderlichkeit zwischen Muslimen und Christen statt. Anlass waren u.a. Dokumente der ägyptischen Staatssicherheit, die eine Beteiligung der Geheimpolizei an dem Bombenanschlag auf die Kirche in Alexandria belegen. Es war das erste Mal überhaupt, dass es Demonstrationen für die Einheit zwischen den Religionen gab, und das – wider alle Vorurteile über den »Orient« in Europa – ausgerechnet zwischen Christen und Muslimen.

Umso bedauerlicher, dass in Europa die immer stärker werdenden Spannungen zwischen Migranten und ursprünglicher Bevölkerung keine derartige Mobilisierung hervorrufen. Und das, obwohl es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinen rassistischen Motiven wohl nie eine Zeit in der Geschichte der Menschheit gab, die besser dafür geeignet wäre, für eine echte Partnerschaft der Religionen auf die Straßen zu gehen. Dass echte Bedrohungsszenarien trotzdem zu Zusammenarbeit führen können, sieht man derzeit auch in Palästina/Israel. Seit einiger Zeit demonstrieren Künstler, Dichter und Musiker, Araber wie Juden, gemeinsam gegen die von der Regierung des Staates errichtete Mauer.
Wir leugnen nicht, dass es auch in unserem Land Fälle von religiösen Resentiments gibt. Sie sind das Ergebnis von vierzig Jahren Sadat und Mubarak, in denen man für ein rentables Bündnis mit dem Westen das Wachstum islamistischer Bewegungen in Kauf nahm. In der Zeit Nassers, in der Ägypten dem Westen eher verhalten gegenüber stand, gab es solche religiösen Konflikte interessanterweise nicht. Im Gegenteil. Ältere Menschen berichten davon, dass Liebesbeziehungen zwischen Christen und Muslimen weit häufiger der Fall waren als heute, und erinnern sich noch gut an den Kirchenbesuch des (muslimischen) Präsidenten Nasser im Jahre 1968 infolge einer Marienerscheinung und seiner Heilung durch den koptischen Papst Kerlos V.

Der Kern des ägyptischen Nationalismus war denn auch die Zusammenarbeit von Muslimen, Christen und Juden, sehr zur Überraschung für viele Europäer, die den arabischen Nationalismus stets mit islamistischem Fundamentalismus in Zusammenhang brachten. Sein Ursprung liegt im arabischen Freiheitskampf gegen das osmanische Reich, das stets die Religion (das Kalifat) als Vorwand nahm, um seine politische Vorherrschaft zu legitimieren.

Die erste ägyptische Revolution nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war eine muslimisch-christlich-jüdische, eine gesamtägyptische. Nicht umsonst zeigt die Revolutionsfahne von 1919 neben dem Halbmond auch ein Kreuz, und die daraufhin gültige Flagge der Monarchie drei Sterne für die drei Religionen. Erst unter dem Einfluss der Briten wurde versucht, die Spannungen zwischen den Religionen wieder zu schüren, um die eigene Position als »Schützer der religiösen Minderheiten« zu legitimieren. Hand in Hand zogen damals christliche Priester mit muslimischen Geistlichen durch die Straßen Kairos und der Kopte Abuna Sargius predigte regelmäßig von der Kanzel der al-Azhar-Universität, dem Zentrum der islamischen Orthodoxie.

Demonstrationen wie die des heutigen Tags belegen, dass der religiöse Rassismus in Ägypten nicht auf fruchtbaren Boden fallen wird. Obwohl es auf beiden Seiten zweifellos Vorbehalte gibt, werden die Entschlossenheit und der Wille des ägyptischen Volks, jenseits von Kleingeist und Provokation gemeinsam ein schöneres Land zu erschaffen, der Sektiererei ein Ende bereiten.

Es war Freiheit überall (publiziert am 13.2.2011)

Was werden wir heute tun?« – »Wir werden tun, was wir jeden Tag versuchen, Dummkopf. Wir werden die Welt kontrollieren.« Das war mein Status auf Facebook am Morgen des 25. Januar 2011, wenige Stunden vor dem Revolutionsbeginn. Diese Sätze stammen aus einer Zeichentrickserie, in der zwei in den Bergen Verschüttete jeden Tag davon träumen, eines Tags die Welt zu kontrollieren. Als Kommentar gaben sie sowohl meine Begeisterung als auch meine Hoffnungslosigkeit wider, dass sich jemals etwas ändern wird. Und meine Angst, dass wir vielleicht diese Menschen sind, die jeden Tag etwas versuchen und doch nichts ausrichten können. Vor allem aber wählte ich diesen Kommentar, weil ich die Ägypter für verrückt hielt, dass sie der Polizei den Termin und den Platz ihrer Revolution auf Facebook mitgeteilt haben.

In der Rue de Ptolémées in Alexandria gab es bereits um 16 Uhr eine große Demonstration
neben dem Goethe-Institut. Um 17 Uhr stieß ich dazu. Es gab fast so viele Polizisten wie Demonstranten, auch in der Rue de Port Said, in der einst der im Sommer von der Polizei zu Tode geprügelte Blogger Khaled Said lebte. Da der Staat unbedingt verhindern wollte, dass wir demonstrierten, wurde es schnell sehr brutal. Polizisten begannen, uns zu verprügeln. Beinahe verlor ich wegen dem Geruch des Tränengases und der Schussgeräusche die Hoffnung, doch plötzlich hörte ich am Ende der Straße einen Schlachtruf aufschwellen: »Das Volk will das Regime stürzen!« Trotz der totalen Internet- und Telefonsperre der folgenden Tage versammelten wir uns von nun ab täglich.

Die Demonstranten waren bunt gemischt: Neben Studenten der Amerikanischen Universität, die sich in einer arabisch-englischen Mischsprache unterhielten, standen Muslimbrüder, Professoren, Ärzte und Straßenkinder, verschleierte neben rauchenden Frauen, Muslime neben Christen, Kommunisten neben Liberalen, selbst Filmstars neben Journalisten und Künstlern. Es war das Volk, das nach »Veränderung, Freiheit und Justiz« rief.

Eigentlich gab es nur mehr zwei Sorten Ägypter: die, die die historische Chance erkannten, und die, die weiterhin Angst hatten. Letztere saßen zu Hause und sahen sich das Staatsfernsehen an, das von wenigen Hundert Demonstranten sprach und davon, dass Verbrecher aus den Gefängnissen entkommen waren und nun die allgemeine Sicherheit bedrohten – eine Folge der Flucht der Polizei am 28. Januar. Regierungsjournalisten und Lügenkünstler schimpften dort über die Demonstranten am Platz der Befreiung in Kairo. So kam es, dass uns die Ängstlichen nach Mubaraks zweiter Erklärung für herzlos erklärten und uns unterstellten, keine Familie zu haben, weil wir freiwillig auf der Straße übernachteten und für den Sturz des Regimes demonstrierten.

Es war eine ungleiche Schlacht: wir gegen das Regime, die ägyptischen Medien, die Unterstellungen, wir bekämen Unterstützung aus den USA, aus Israel, aus dem Iran oder von der Hamas, die
gefl ohenen Häftlinge, die am schwarzen Mittwoch 11 Demonstranten töteten und die ärmeren die uns zusahen, warfen uns Wasser, Obst und Schokolade zu. Obwohl wir uns nicht kannten, sprachen wir plötzlich ganz offen miteinander, halfen und liebten einander. Die Frauen hatten keine Angst mehr vor möglichen Annäherungsversuchen der Männer, und die Männer hatten keine Angst mehr vor der Polizei. Es war Freiheit überall. Nie hätte ich gedacht, unsere Nationalhymne einmal mit Tränen in den Augen zu singen, verstand ich doch erst jetzt, wie tief meine Liebe zu Ägypten ist. Nicht die Parteien, nicht die Muslimbrüder, nicht die Armee versammelten die Leute – die Revolution versammelte sie und wegen ihr allein versammelten sie sich.

Am 11. Februar wurde ich auf dem »Platz der Befreiung« in Kairo selbst zur Augenzeugin dieser riesigen Utopie. Alle sorgten für alle, sangen, tanzten, malten, schrieben Theaterstücke und führten sie auf. Ägypten wäre nicht Ägypten, hätte es beim Demonstrieren seinen Humor verloren: Neben »Mubarak ist reicher als Dagobert Duck« und Actionfi lm-Plakaten mit den Gesichtern des Präsidenten und seinem Sohn Gamal gab es auch Parolen wie »Hau endlich ab, damit ich mich waschen kann« oder »Verlasse Ägypten, mein Arm tut schon weh von diesem Schilderhalten!«

Als Mubarak endlich seinen Rücktritt bekanntgab, explodierten die Feiern. Feuerspucker,
Tänzer und Sänger mischten sich unter die Demonstranten, selbst das Staatsfernsehen und die regierungstreue Zeitung »Al-Ahram« titelten:»Das Volk stürzt das Regime!«
Nun wissen wir, dass wir die Möglichkeit haben, eine Revolution anzuführen und unsere Hoffnungen und Träume zu verwirklichen. Ja… »Lasst uns diesmal unsere Welt kontrollieren!«

Weihnachtsbombe (publiziert am 11.1.2011)

Eine Viertelstunde nach Neujahr hörten wir die Nachricht von einem tödlichen Anschlag auf eine Kirche in der Stadt. Die Al-Qiddisain-Kirche ist von meiner Wohnung etwa eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. Zum Zeitpunkt des Anschlags war ich nicht zu Hause. Meine Freunde und ich feierten das neue Jahr im griechischen Club in Ibrahimia. Wir waren 16, vier von uns Christen und ich die einzige Frau. Plötzlich verwandelte sich die Atmosphäre im Club in eine tiefe Traurigkeit, und obwohl meine koptischen Freunde rasch herausfanden, dass niemand von ihren Familien in der Nähe der besagten Kirche gewesen war, begannen wir alle zu weinen. Einer von uns fiel sogar in Ohnmacht. Die Stadt war um 4.00 morgens ruhig, kalt und grau. Es gibt kaum Autos auf den Straßen und wir hörten in den Nachrichten von 22 Toten und mehr als 70 Verletzten, sahen das Blut auf dem Kirchenbau. Mit Tränen in den Augen empfingen wir das neue Jahr.

Viele Muslime wollten als Zeichen gegen den Terror am nächsten Donnerstag, dem koptischen Weihnachtsfest, gemeinsam mit ihren Freunden in die Kirche gehen und sie
damit vor weiteren Angriffen schützen. Die Regierung war aber anderer Meinung. Brutal
beendete sie die Demonstration der Denker und der Künstler Alexandrias. Muslime wurden nicht in Kirchen gelassen und vor den Kirchen ist das Stehen seit dem Anschlag
ohnehin verboten. Während sogar die radikal-islamischen Kräfte des Landes den Anschlag vom Neujahrstag offiziell verurteilen, versäumte die Regierung Mubarak hier eine
wichtige Chance, das Volk jenseits religiöser Eigeninteressen (wie dem Bau von Kirchen)
gegen Entwicklungen auf die Straße gehen zu lassen, die für die gesamte Menschheit
schädlich sind.

Alexandria ist traurig, aber nicht ohne Hoffnung. Städte sind wie Lebenswesen, manchmal werden sie krank, und manchmal sterben sie auch. Alexandria aber wird genesen.

Viagra- und Tramadol-Wahlen (publiziert am 5.12.2010)

In diesem Winter standen bei uns Parlamentswahlen an. Aber was für eine Wahl hatten wir eigentlich?

Für die Ärmeren galt die Wahl zwischen einem Kilo Rindfleisch und einer Summe von 700 Pfund (ca. 90 Euro) auf die Hand. So viel bekommt bei uns ein Wähler, je nachdem, wem er seine Stimme gibt. Dieses Jahr gab es auch den Gegenwert in Viagra oder Tramadol. Den männlichen Wählern scheint es gefallen zu haben.

Ich gebe zu: Ich kannte fast keinen der Kandidaten. Im Sommer sah ich eine Wahlanzeige, an der Darwin seine Freude gehabt hätte. Der Kandidat wies in Bezug auf seine körperliche Stärke darauf hin, King Kong ähnlich zu sehen. Vor sechs Monaten erschien ein Lied mit diesem Wahlspruch, das sich in Ägypten sofort riesiger Beliebtheit erfreute. Was weder den Kandidaten noch die Wähler zu stören schien: dass King Kong nichts als ein riesiger Affe ist.

Ein anderer Kandidat vertrat die islamische Bruderschaft. Diese wurde 1928 von dem Lehrer Hassan al-Banna gegründet und fordert seitdem mit der Parole „Der Islam ist die Lösung“ eine Rückkehr zu traditionellen Werten – unter Ablehnung des westlichen Lebensstils. Obwohl die Muslimbruderschaft in Ägypten offiziell verboten ist, hat sie etwa eine Million aktiver Mitglieder und unterhält verschiedene caritative Einrichtungen wie Krankenhäuser und Sozialstationen, vor allem in den ärmeren Vierteln, was sie dort sehr beliebt werden ließ. Die herrschende Partei des Mubarak-Regimes, die NDP, hat sie sich zum Hauptfeind erkoren. Andere ernst zu nehmende Gegner sind ohnehin nicht in Sicht, werden diese doch entweder von Greisen oder von Häftlingen geführt. Bleiben die Reichen, die Denker, die Schriftsteller und die Künstler: Sie haben dem System längst den Rücken zugekehrt, wissen sie doch, dass die meisten Abstimmungen ohnehin gefälscht sind. Warum dann die Mühe?

Es gibt ein Foto, das genau jene Schicht abbildet, die dennoch unermüdlich zu den Wahlen geht: Es zeigt eine arme, alte, zahnlose Frau, deren Hand ein Victory-Zeichen formt. Sie wurde zum Sinnbild für jene Wähler, die unsere Parlamentsmitglieder noch immer im Amt bestätigen. Und natürlich ist jedem klar, warum diese arme Analphabetin zur Wahl geht. Letztlich geht es immer um Öl, Zucker, Fleisch oder Geld.

In einem Zeichentrickfilm mit schwarzem Humor verschwinden die Wahlkampfgelder in Toiletten, und die Musik illustriert die Angst des Wählers. Witze, Karikaturen, ganze Kurzfilme füllten während der Wahlen das Internet. Hier erklärte ein Kommentar auf Facebook, dass der Verkauf von Stimmen „halal“, also religiös erlaubt sei, da die Wahlen ja ohnehin gefälscht seien. Dort verglich ein anderer Kommentar die ägyptischen Wahlen mit Bollywood-Filmen: Beide seien brutal, beide seien langweilig – und ihr Ausgang schon im Vorfeld bekannt.

Manchmal habe ich den Eindruck, wir lebten in einem Roman von José Saramago: „Die Stadt der Sehenden“. Aber hier nehmen die Helden ihre Sache in die Hand. Alle, die der herrschenden Politik überdrüssig sind, geben bei der Wahl einen leeren Stimmzettel ab. Und so spaltet sich das Land in weiße Stimmzettel – und die Zettel der Regierungsmitglieder. Eine reizvolle Idee, aber Saramago scheint nichts von dem lukrativen Geschäft mit den Stimmen gewusst zu haben.

Und so kam es, wie es kommen musste: Trotz massiver Unregelmäßigkeiten, trotz einer Wahlbeteiligung zwischen 10 und 15 % erklärte die staatliche Presse die Wahlen für ordnungsgemäß. Wie beruhigend: Wenigstens einer, der weiß, dass alles in Ordnung ist. Den anderen blieb die schmerzhafte Erkenntnis: „Im Osten nichts Neues“.

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